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I+I Die schädlichen Folgen der Eigenmietwertbesteuerung

Stellt Euch mal folgendes vor: Das Steueramt Eurer kleinen Schweizer Gemeinde schickt Euch einen Brief. Inhalt ist die Ankündigung des Besuches eines Vertreters der Abteilung "gespartes Einkommen".

Man möchte Dein Auto inspizieren, das bitteschön gereinigt und mit allen Unterlagen bereitgestellt sein soll. An besagtem Tag kommt morgens wirklich jemand vorbei, inspiziert freundlich aber bestimmt Dein Auto - übrigens ein günstig gebraucht gekaufter sparsamer Kleinwagen - gründlich von innen und aussen und notiert sich fleissig die Eintragungen im Fahrzeugausweis. Wenige Tage später kommt wieder ein Schreiben:

 

"Sehr geehrter Herr Sparsam, wir haben festgestellt, dass Sie ein Fahrzeug mit geschätzten monatlichen Kosten von 255 Franken nutzen und besitzen. Gegenüber durchschnittlichen monatlichen Fahrzeugkosten in der Schweiz in Höhe von 645 Franken sparen sie monatlich 390 Franken und somit jährlich 4680 Franken. Diese 4680 Franken stellen ein mutmassliches Einkommen dar, das zukünftig besteuert wird. Bitte geben Sie dieses Einkommen jeweils in der Steuererklärung an und melden Sie sich bei Wechsel des Fahrzeugs. Freundliche Grüsse, etcetera etcetera."

 

Was für ein hanebüchener Unsinn! Und dennoch ist es nur eine ausgedachte Variante von dem, was private Immobilienbesitzer in der Schweiz erleben. Die haben nämlich den sogenannten Eigenmietwert.

 

Eigenmietwert

Wenn man in der Schweiz eine eigene Immobilie selbst bewohnt, versteuert man dafür einen Betrag, der als Eigenmietwert bezeichnet wird. Eine virtuelle, nicht vorhandene Miet-Einnahme, die man von niemandem erhält und auf die man doch Steuern zahlt. Gut, zum Ausgleich kann man die Zinsen von der Steuer wieder abziehen, aber dazu komme ich später.

 

Nochmals zum Eigenmietwert: Wir stellen uns einen Einsiedler vor, der in seiner eigenen, durchaus komfortablen Holzhütte wohnt, Strom kommt von den Solarzellen und Wasser aus dem Brunnen und den Regentanks. Er steigt aus, möchte sich die nächsten ein, zwei oder drei Jahre von dem ernähren, was der grosse Garten und seine zwei Ziegen bieten und hat sich ein Lager mit Eingewecktem und Dosenfleisch angelegt. Arbeiten will er vorerst nicht mehr und das bisschen Ersparte ist für die Regenwassernutzung und die Solarzellen drauf gegangen. Er ist - kurz gesagt - ein Spinner. Aber das darf man doch sein, wenn man niemandem etwas tut. Er ist ja niemanden was schuldig. 

Da kommt nun die Dame (der Herr) vom Steueramt ins Spiel, sie sieht die fabrikneuen Solarzellen und inspiziert die vom Einsiedler in Eigenarbeit gut renovierte Hütte ganz genau. Sie taxiert einen nun neuen Eigenmietwert von 34000 Franken jährlich, eine satte Steigerung. Den muss der Einsiedler nun versteuern, hat aber nichts davon. Und schon gar nichts in der Tasche um die Steuer zu bezahlen. Er fällt aus allen Wolken. Irgendwie schon surreal.

 

Trotzdem haben sich viele Schweizer aber an diesen Zustand gewöhnt, zumal sie bei Hypothekenschulden eben den entsprechenden Zinsbetrag wieder von der Steuer abziehen dürfen. Eigenartigerweise sehen nicht wenige einen Vorteil darin und Mieter sind sogar manchmal etwas neidisch. Die Banken sind die Nutzniesser dieser Regelung und betonen immer wieder mit fetten Buchstaben die Steuerersparnis. Gehen wir das mal Schritt für Schritt durch:

  • Immobilien sind teuer und je teuerer, desto höher vermutlich auch der Eigenmietwert, den man versteuern muss.
  • Lieber nimmt man dann eine riesenhohe Hypothek in Kauf, zahlt entsprechend viel Zinsen an die Bank (diese freut sich) und kann diese Zinsen wenigsten von der Steuer abziehen. 
  • Dennoch ist im Niedrigzinsumfeld der jährliche Zins vermutlich niedriger als der Eigenmietwert.
  • Hat man später noch zusätzliches Vermögen angespart, zahlt man damit nicht etwa die Hypothek zurück, sondern legt das Geld bei der Bank (freut sich wieder) an.
  • Die Bank profitiert doppelt, von den Zinsen und von den Gebühren der Geldanlage.
  • Die Gemeinden bekommen weniger Steuern, da wir diese ja "sparen". Wird sie vielleicht im nächsten Jahr den Steuersatz deswegen erhöhen müssen? Wer weiss...
  • Manche Banken sind geradezu versessen auf Hypothekenvergabe und übernehmen sich fast, wie zuletzt Raiffeisen.
  • Das ganze Land übernimmt sich völlig mit Immobilienfinanzierung, ist Spitzenreiter in der privaten Verschuldung.

Das eigenartige, für mich völlig Unverständliche ist, dass dieser Zustand von manchen Zeitgenossen geschätzt wird. Sehen wir uns doch mal an, was passieren würde, wenn man die Eigenmietwertbesteuerung aufgibt und auch den Zinsabzug auf den Misthaufen wirft. Es gibt erfreulicherweise Bestrebungen und Diskussionen in diese Richtung.

  • Jedermann mit (vielleicht schlecht) angelegtem Vermögen kann (muss aber nicht) seine Hypothek im Laufe der Zeit teilweise oder ganz zurückfahren.
  • Die Gemeinden und Kantone bekommen mehr Steuern und haben dabei noch weniger Aufwand.
  • Die private Volksverschuldung sinkt nach und nach auf ein verträgliches und solides Mass.
  • Nun ja, die Banken verdienen weniger mit Hypotheken. Und nochmal weniger bei den Gebühren. Das Geld geht an die Gemeinden statt an die Banken. Welch eine Wohltat.
  • Ein paar Jahre später entscheidet die Gemeinde, den Steuersatz zu senken. Die Raiffeisenbankfiliale im Ort schliesst leider.
  • Der Einsiedler oben zieht sich zufrieden in seine Hängematte zurück. Mit Steuern muss er sich nun nicht mehr herumquälen.

Was mich am Eigenmietwert noch besonders ärgert ist folgendes: Meine Kinder brauchen auch Räume. Ich versteuere ja sogar die Räumlichkeiten meiner Kinder mit einem anteiligen Eigenmietwert. Absurd und unangebracht, denn die Kinder haben ja kein Einkommen. Hätte ich keine Kinder, bräuchte ich diese Räume gar nicht. Dann fiele kein Eigenmietwert dafür an. Das Gesparte würde ich für einen Flug zu den Kanaren ausgeben. Kerosin ist ja steuerfrei. Wie gesagt, so absurd...

 

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