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I+I „Gute Aussichten“ mit Selma, dem digitalen Anlageassistenten aus der Schweiz

Gut versteckt in den Innerschweizer Bergen hat sich das auf digitale Vermögensverwaltung spezialisierte Fintech Selma Finance AG angesiedelt. Was machen die eigentlich?

 

Plausch mit Selma

Um das zu klären unterhalte ich mich erstmal (nach kurzer Anmeldung) mit der etwas spröden, aber freundlichen Chatbot-Dame Selma. Sie will allerhand über meine finanzielle Situation wissen und auch über meinen Risikotyp. Nichts, was man nicht auch mit einem gut strukturiertem Fragebogen erfahren hätte, aber nun gut, heutzutage muss es ein Chat sein. Junge Leute verstehen es wahrscheinlich nicht mehr in anderer Form.

 

Rausgekommen ist dann ein Anlagevorschlag, denn man sich in den Modi „Simpel“ oder „Erweitert“ anschauen kann. Erweitert ist für mich eigentlich das Simplere, Verständlichere. Ein Trockendock sozusagen, man kann alle Funktionen schon mal Ausprobieren und anschauen, wird aber nicht nass, respektive Geld los.

 

Der Anlagevorschlag

Der Anlagevorschlag besteht aus einer Reihe von ETFs mit einer Grundlage von ⅔ recht sicheren Staatsanleihen, dazu ein klein wenig Standard & Poor’s, etwas Emerging Markets, eine Portion Unternehmensanleihen, eine Prise Gold und noch etwas Restcash. Einige Kommentare gibts auch noch, nämlich dass ich mit Immobilien bereits selbst gut versorgt wäre (stimmt) und dass die US-Aktien derzeit recht hoch bewertet seien (mag sein) und deswegen untergewichtet. Die Wertentwicklung dieses Vorschlages kann man sich retrospektiv anschauen (Simulation). Vor 4 Jahren eine Summe so angelegt hätte heute 7% plus - das haut mich nun nicht gerade um.

 

Zur Investition

Wenn man mit allem zufrieden ist, wird das Trockendock geflutet oder - in anderen Worten - man eröffnet ein Investmentkonto und schiesst echtes Geld ein. 

Dazu ist eine erweiterte Anmeldung erforderlich. Diese geschieht praktischerweise online und wird mit Videoidentifizierung verifiziert. Dann kann man Geld überweisen. Soweit bin ich aber noch nicht. Ich seh mir lieber noch die FAQ’s an.

 

Erkenntnisse aus den FAQ’s und anderswo

Die FAQ’s sind nett geschrieben und kommen recht persönlich rüber, sind aber etwas unübersichtlich. Eine herkömmlichere Herangehensweise mit einer langen, ausklappbaren Liste wäre mir angenehmer, ist halt optisch weniger ansprechend. Hier ein paar Erkenntnisse:

  • Selma ist anpassungsfähig. Änderungen der eigenen finanziellen oder persönlichen Situation teilt man ihr mit und sie passt die Anlage entsprechend an. Natürlich achtet Selma auch auf Entwicklungen der Finanzmärkte.
  • Investiert wird vorwiegend in ETFs.
  • Nutzen können Selma in der Schweiz dauerhaft lebende Personen über 18 Jahre.
  • Freundlicherweise erhält man eine Schweizer Steueraufstellung, nicht eben unwichtig!
  • Selma unterliegt als Schweizer Vermögensverwalter den Regulationen der Finma und ist Mitglied der Selbstregulierungsorganisation PolyReg.
  • Falls Selma pleite geht oder sonstwie über den Jordan - keine Bange, die Investments laufen immer auf den Namen des Anlegers, sind davon also nicht betroffen.
  • Die Saxo-Bank ist der Partner für alle Finanzgeschäfte und fungiert als Depotbank. Dort hat man auch das Konto für Einzahlungen. Die Saxo Bank hat ihren Hauptsitz in Kopenhagen, ist aber auch in der Schweiz tätig und hat eine Schweizer Vollbanklizenz. Cash-Einlagen unterliegen somit der Einlagensicherung.
  • Laut der Luzerner Zeitung stammt der Begriff Selma übrigens aus dem keltischen und bedeutet soviel wie „gute Aussicht“. Draufgekommen ist Selmas Gründer und CEO, Patrik Schär.

Eine Preisfrage

Nun kommen wir zu den Gebühren. Selmas Vermögensverwaltung kostet 0.72% der Anlagesumme pro Jahr. Die internen Produktkosten (der Fonds etc.) werden nochmals mit ca. 0.22% angegeben, macht zusammen 0.94 %.

Ein auch mit deutschen Produkten konkurrenzfähiger Preis, Chapeaux!

 

Bei 10 000 Franken Anlagesumme sind das 94 Franken im Jahr, knapp 8 Franken im Monat. Kann man so stehen lassen! Die Stempelsteuer ist da auch schon enthalten. Für diese kleine Anlagesumme ein echt faires Modell. Gut dargestellt ist dies auch nochmals in einer FAQ mit dem Titel „Was kostet Selma“.

 

Selma macht auch einen Preisvergleich mit vernichtendem Ergebnis für den verglichenen Anbieter. Ich kann das aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Die Preisgestaltung von Selma ist klasse, bitte so lassen!

Steuersparende Säule-3a-Modelle sind oft ebenso verschwenderisch gestrickt wie der Vergleich im Beispiel. Was man auf der einen Seite mit den Steuern spart, gibt man auf der anderen für (versteckte) Gebühren leider wieder aus. Deswegen mein Tipp: Eventuell gleich auf die Säule 3a verzichten, abhängig von der eigenen Lebenssituation.

 

 

Wen könnte Selma interessieren?

Nun, Schweizer Banken sind ja weltweit bekannt für ihre geschätzten Dienstleistungen in der Vermögensverwaltung. Sie setzen dabei eher auf Personen, die sich diese Dienstleistung kraft ihres Vermögens auch leisten können. Und das benötigt meist ziemlich grosse Zahlen auf dem Konto. Was machen Personen mit kleineren Zahlen? Oft nichts, lassen das Geld unnütz liegen oder geben es um Gotteswillen halt aus, für irgendwas.

 

Selma scheint sich nach meinem Eindruck so positioniert zu haben: Junge Leute mit ersten Überlegungen zu Sparen, fähig zum Bilden kleinerer Rücklagen, die damit aber noch keine Banker beeindrucken können. Vielleicht selbst wenig Ambitionen auf vertiefte Finanzkenntnisse, aber intelligent genug, das Geld nicht mit Nullzins herumliegen zu lassen.

 

Selma könnte man auch mit dem modernen Begriff „Robo-Advisor“ betiteln. Ich mag diesen Begriff nicht. Man stelle sich mal vor, der steife C3PO übernimmt meine Geldanlage und verspekuliert sich mit Raumschiffaktien oder Star Wars Kriegsanleihen…

 

Ein paar kritische Anmerkungen

Die Selma Website erinnert mich eher an ein Schülerprojekt, jeder darf mal eine Handvoll Grafiken und Smileys über den Websiteteig werfen. Professionell sieht anders aus (siehe weiter unten mit Oskar.de). Selma.ch ist nicht mal eine zugehörige Domain, da kommt man ganz woanders hin.

Allgemein verirre ich mich zu leicht auf der Website und weiss dann nicht mehr genau, wo ich bin. Man könnte gut und gern auch mal mehr Informationen zu einem Thema auf einer Seite unterbringen und einfach runter scrollen. Zudem wechselt die Komplexität. Manche Seiten wirken wie für Dummies, enthalten einige Marketingbotschaften mit einfachsten Aussagen. Andere Seiten gehen in die Tiefe und erklären ganz gut. Selma weiss noch nicht so ganz, wen es eigentlich ansprechen will. Anlaufstelle für Finanzdeppen, die man am besten mit Marketingbonbons anlockt? Oder für kluge junge Leute nach der Ausbildung, die sich Gedanken zu ihrem Werdegang machen? Ich übertreibe hier natürlich in beide Richtungen!

 

Zu meinem Anlagevorschlag möchte ich keine Wertung abgeben, dazu fehlen mir die vertieften Finanzkenntnisse. Aber mein Bauchgefühl zum Vorschlag möchte ich mitteilen: Er kommt mir doch sehr risikoscheu vor mit ⅔ Staatsanleihen. Natürlich weiss Selma von meiner Hypothekenverschuldung, die ich brav angegeben habe. Verständlich, dass sie mir damit nicht mehr Risiko gönnt. Sie stellt mir aber auch keine Fragen zu meiner Altersvorsorge - also Pensionskasse und Säule 3a. Diese könnte ja beträchtliche Summen enthalten, zumal in meinem Alter ;-)

Auch keine Fragen zur Partnerschaft, was ja zusätzliches Einkommen und gegenseitige Absicherung mit sich bringen könnte. Dann wäre wieder ein höheres Risiko tragbar, oder?

Vielleicht ist dies der jungen, vermutlich noch ungebundenen Zielgruppe geschuldet, dass die Nachfrage nach diesen Themen unterlassen wird.

 

Fazit

Trotz meiner obigen kritischen Anmerkungen - ich beginne mein Fazit mit etwas sehr positivem, nämlich dem Preis für die Dienstleistung von Selma. Der ist in der Schweiz kaum schlagbar und auch extrem transparent dargestellt. Ganz anders viele Banken. Die verstecken üblicherweise Preis-PDFs jedes mal an einer anderen Stelle. Verlinkt wird sowieso schon lange nicht mehr. „Bitte mit Berater einen Termin vereinbaren.“

Dennoch, wenn jemand Ahnung hat, dann kann man sicher eine Anlage dieser Art mit ETFs auch leicht selbst erstellen. Und kommt je nachdem noch günstiger weg.

 

Die Einfachheit des Angebots (trotz der dahintersteckenden Komplexität) ist bei Selma ebenfalls sehr angenehm. Die extrem niedrige Einstiegsschwelle von 2000 Franken ist - naja - überraschend.

 

Ich kann mir aber nicht helfen, etwas finde ich seltsam - immer fokussieren alle auf die Zielgruppe der jungen und jüngsten Leute, die Instagram- und WhatsApp-Generation und umschwärmen sie mit demselben Chatblödsinn, den diese schon täglich auf ihren Smartphones sehen. Was, wenn die sich mehrheitlich noch nicht für Vermögensverwaltung interessieren und das alles etwas schräg finden?

 

Was, wenn Prof. Andreas Dietrich in seinem Beitrag zum Konto Zak recht hat:

 

„Bei Innovationen zeigt sich bislang, dass jeweils vor allem zwischen

30- und 39-jährige Männer das Angebot früh nutzen.“

 

Vielleicht läge da anderswo eben mehr drin…

 

Ein paar wirre Gedanken, wie ich einen Selma-Ableger aufziehen würde

Einen Vertreter der anzusprechenden Kernzielgruppe würde ich als ca. 33- bis 38-jährigen Mann im urbanen Umfeld definieren, mitten im Karrierekampf stehend, kleine Kinder, Partnerin ebenfalls berufstätig. Geld bleibt schon übrig, aber wann hat man Zeit, sich darum zu kümmern? Also ab in die 3. Säule, da spart man ja Steuern, so sagt die Bank, der Rest liegt halt rum. Hoppsala, da hat er doch in 20 Minuten eben noch was dazu gelesen - Louise, der bankenunabhängige Service für Vermögensentwicklung. Louise bewirbt sich als Alternative zur Säule 3a und soll dabei noch flexibler und viel günstiger als die Banklösung sein. Hmhh, eventuell genau das Richtige. Und Kinderdepots bieten die auch. Könnte man mal dem Götti stecken! Louise bietet…

  • Eine klare Webseite ohne Schnickschnack, denn das kostet nur Zeit. Eine App. Und eine gesonderte App für Kinder! Ein einfacher Fragebogen zur Lebenssituation, danach einer zur finanziellen Lage.
  • Der Einstieg beträgt minimal 5000 Franken, es soll ja was ernsthaftes sein. Für Kinder ist der Einstieg schon ab 1000 Franken möglich. Coole Verkaufsförderung: Für jedes angemeldete Kind spart der Erziehungsberechtigte 6 Monate die Gebühren auf seinem Depot. Der Götti bekommt auch einen Vorteil, wenn er ebenfalls Kunde ist und für die Kinder regelmässig einzahlt. Die Mama kann einer Freundin erzählen, wie toll es mit Louise ist und profitiert ebenfalls, wenn die Freundin anbeisst.
  • Falls jemand mit der Zeit Gefallen an Finanzdingen findet, kann er die Vermögensentwicklung verlassen und selbst traden, per einfachen Switch zur Plattform der Saxo Bank, ohne Auflösung des Depots. Und Louise bekommt eine satte Belohnung dafür.
  • Nur zum Vergleich: Der ETF-Sparplan-Anbieter Oskar.de hat gerade eine Anzeige in EURO am Sonntag geschaltet. Wenn ich mir die Werbung anschaue, komme ich genau auf die Zielgruppe Junge Eltern plus Kinder/Enkel.

Wär das was? An einen Account für Kinder denkt man bei Selma übrigens auch selbst schon... Ich wäre vielleicht dabei!

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